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Dienstag, 29. Juni 2010

Dem Bürokratiedrachen wuchs ein neuer Kopf


Für die Bayern als Mitarbeiter beim Pilotprojekt geht am 1.Juli 2010 der Wahnsinn schon etwas früher los, als für alle andern. Wir sollen jetzt also eine noch genauere Übersetzung von Diagnosen in Zahlen vornehmen. Ein Katalog von 161 Seiten schreibt akribisch vor, was zu tun sei. Der KV-Chef Dr Köhler flötet uns zu, dass dies doch nur zu unserem Nutzen sei. Erst wenn wir die Diagnosen genau benennen, kann man unsere Leistung genau bezahlen. Dann hätten “Wir” (damit meint er kumpelhaft uns arbeitende Ärzte und ihn den Interessenvertreter des Gesundheitsministeriums, hier sogar der Kassen) etwas in der Hand um den Kassen gegenüber unsere Anstrengungen und damit unser Honorar zu begründen.
Das glaubt Herrn Köhler kein niedergelassener Arzt mehr. Das Interesse an dieser irrwitzigen Kodierfummelei liegt doch ganz auf Seiten der Kassen. Die wollen über diese Diagnosen besondere Gelder bekommen (RSA). Bisher benutzten sie die DMPs (die teuersten 4 Krankheiten wurden von den Ärzten schon als DMP-Erkrankung markiert) und jetzt soll es noch bequemer gehen. Die DMP-Programme werden dann wohl in der Versenkung verschwinden, wie so vieles Andere an Bürokratieflocken. Was auch verschwindet ist unser Verdienst an den DMPs. Für das Kodieren bekommen wir kein angemessenes Honorar, da wird es nur Abzüge für zu wenig Kodieren geben! Das ist ja auch das in Deutschland beliebtere System: Peitsche statt Zuckerbrot. Jetzt werden nur noch für jene Diagnosen Honorar bezahlt, die bestimmte Therapien oder bestimmte Diagnostik ausgelöst haben. Das routinierte Abschätzen der Beinödeme oder der Dyspnoe eines Patienten durch den langjährigen Hausarzt ist noch Null Cent wert, weil es keine Kodierung dafür gibt. Wenn der Patient wegen anderer Gründe in die Praxis kam wird man nur roboterhaft dokumentierbare Abläufe honoriert bekommen. Danke Herr Köhler.
Wenn es um die Fata Morgana “angemessene Bezahlung für ärztliche Leistung” wirklich ginge, dann wären die Diagnosen wahrlich nicht das probate Mittel. Für so manchen gut eingestellten chronisch Kranken mit mehreren so toll kodierbaren Chroniker-Diagnosen wendet man wenig Zeit auf, weil er kooperiert und für so manchen, nur mit einer einzigen Diagnose wie Demenz oder Alkoholabusus hat man Arbeit ohne Ende, weil die Familie beraten werden muss und immer wieder Krisen auftreten.
Man spürt also wieder einmal die Absicht und ist verstimmt. Wer ernsthaft das Ziel der gerechteren Vergütung anstreben wollte, der müßte anders rangehen. Anders mit dem gesamten Themenbereich umgehen. Das Wort “gerechte” Vergütung kann nicht in einem ungerechten Biotop von Wegelagerern namens “Leistungsbegrenzung” existieren. Die Niedergelassenen müßten in einem demokratischen Prozess überhaupt erst mal in die Diskussion einbezogen werden. Grundsätzliche Ziele sollten über Abstimmungen (wir haben ja jetzt alle die schönen personalisierten KV-Zugangscodes!) herausgearbeitet werden. Ärzte in BaWue könnten dann vielleicht über Stundensätze abrechnen wollen, die in Bayern über Kostenerstattung und die Hamburger vielleicht über ein eigenes Sachleistungssystem. Wer da aufjault, das ginge nicht, soll erst mal etwas frische Luft der Diskussion hineinlassen in die stickige Bude. Die immer weiter verfeinerte Wahnstruktur der bürokratischen Verschlimmbesserung beschert nur weitere Monster. Das letzte dieser Aliens ist 161 Seiten fett und heißt Kodierrichtlinien. Wer schon jetzt einen exzellent kommentierten Beitrag dazu von unseren bayrischen Kollegen lesen möchte: http://tinyurl.com/24oaqkm Über etwaige Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie sich selbst.

Ein Hausarzt will kein Geld verlieren
und brav beginnt er zu kodieren.
Er sagt ganz einfach wär die Chose,
hätt er nur eine Zwangsneurose.
So quält er sich durch jedes Raster
und alles für der Kasse Zaster.

Die Kassen haben Planwirtschaft
die anders wo längst abgeschafft
Wir Ärzte werden`s nie kappieren,
jetzt gehn wir auch noch zum kodieren.

1 Kommentar:

  1. Na dann sind wir jetzt alle froh, dass die Kodierrichtlinien ausgesetzt sind. Gedankt sei hierzug Ärzte, die sich auch dazu äußern.
    Allerding haben wir jetzt das Problem, dass die Kassen immer stärker die Kodierung der Diagnosen, sowohl über die Hausarztverträge als auch über die DMP-Module (auch KV) kontrollieren. Wir erhalten Diagnoselisten von der AOK für DMP-Module und Hausarztvertragspatienten, welche wir dann akribisch durchgehen sollen. Es reicht dann auch nicht die Dauerdiagnose einmal einzutragen, sie muss dann auch über 2 Quartale vorher übermittelt werden, damit der Patient in der Liste für DMP-Diagnosen nicht mehr auftaucht.

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